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22.08.17 • Berlin Schönheit und Arbeit

Firma Aperto im Innenhof

Der irische Dichter und Philosoph John O’Donohue, aufgewachsen in der surreal-schönen Landschaft an der Westküste Irlands, sagte kurz vor seinem Tod im Jahr 2008.

Autor: Gilbert Dietrich

 

“Die sichtbare Welt ist die nächste Küstenlinie zur unsichtbaren Welt.”

Die Schönheit der Landschaft war für ihn so wichtig, weil sie ein Tor zur Schönheit in uns ist, zu einer Vorstellungskraft, einer Fantasie, die Gutes schaffen kann. Im Altgriechischen, so O’Donohue weiter, stehe das Wort für Schönheit in enger Verwandtschaft mit dem Wort “Ruf” im Sinne einer Aufforderung: Schönheit ruft uns dazu auf, Gutes zu tun.

Wir verbringen rund ein Drittel unseres erwachsenen Lebens mit Arbeit. Warum sollte dieses Drittel weniger schön sein, als unsere anderen Erlebnisse? Gleichzeitig assoziieren wir Begriffe wie Schönheit und Fantasie nur in einigen beruflichen Nischen wie Kunstrestaurateur, Friseur oder Ausstellungskurator mit der Arbeit.

Fantasie ist der größte Freund der Möglichkeit

Die Vorstellungskraft im Beruf ist oft eine sehr praktische Vorstellungskraft, auf Prozesse und Effizienz gerichtet. Das ist gar nicht verkehrt, aber es ist eben nur ein kleiner Teil dessen, zu dem wir fähig sind. Vorstellungskraft und Fantasie lassen wir ja nicht zu Hause, wenn wir zur Arbeit gehen. Wir haben sie immer bei uns, aber wir können nicht immer ganz leicht einen Zugang zu ihr herstellen. Wir brauchen günstige Bedingungen, gerade bei der Arbeit, um das Gute in uns anzapfen zu können.

“Führung mit Weisheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf eine moralische Grundhaltung eingestimmt ist, sie erkennt und befördert.” (John O’Donohue, The Inner Landscape of Beauty)

Die Begabungen, die wir als Menschen haben, so O’Donohue, sind nicht für uns selbst - hier kommt die Moral ins Spiel - sondern für uns und unsere Mitmenschen um uns herum. Die Führung in Firmen ist häufig noch zu unwissend, was solche Begabungen angeht und wie man sie befördert.

Eine “moralische Grundhaltung” ist bei O’Donohue viel mehr als ein Häkchen hinter das Compliance Training oder die Kenntnis des Code of Conduct.

Er meint damit vielmehr das Ermöglichen der Entfaltung von Menschen, sodass sie ihre Begabungen zu ihrer eigenen Freude und zum Nutzen aller wirklich leben können.

Die Athmosphäre am Arbeitsplatz ist ausschlaggebend für unsere Arbeit. Eine gute Athmosphäre ist kein Extra oder Luxus, sie ist das Milleu, das seinen Einfluss auf alles hat, was darin passiert. In dem Zusammenhang ist geradezu traurig, wie Menschen auf der Arbeit oft unter rein funktionalen Gesichtspunkten, fast also wie Machinen, betrachtet werden, obwohl doch jeder Mensch eine unglaubliche und nicht zu leugnende Unendlichkeit in seinem inneren Erleben hat.

Das innere Erleben ist das, was sich in Vorstellungskraft und Fantasie übersetzt, wenn man es zulässt.

Die unsichtbare Schönheit in uns, die uns über die Vorstellungskraft dazu befähigt, Gutes zu tun, braucht eine sicht- und spürbare Schönheit im Außen, damit wir einen Zugang zum Guten in uns bekommen. Solch eine Schönheit findet man im achtsamen und respektvollem Umgang miteinander, man findet sie in der Ästhetik am Arbeitsplatz, in Räumen, die für Menschen gemacht sind, man findet sie in der Offenheit und Freiheit, mit der man seiner Arbeit nachgehen kann. Ich finde Schönheit sogar in den Prozessen, in der Kommunikation und in Dokumentationen wichtig. Ein Weg dorthin ist z.B. das buzzword-verdächtige Design Thinking. Prozesse werden nur dann zwanglos befolgt, wenn sie eine gewisse Eleganz haben, die sich darin zeigt, dass sie dem Verlangen des Nutzers entgegenkommt. Kommunikation von Visionen und Zielen übersetzt sich nur dann in gewünschtes Verhalten, wenn sie über Ästhetik eine emotionale Anbindung der Zuhörer ermöglicht. Und Dokumentationen liest man nur, wenn sie gut gestaltet und - warum nicht? - schön formuliert sind.

Gute Führung muss unbedingt ein Gespür für diese Art der Schönheit entwickeln. Nur wo wir als Menschen mit dem uns eigenen inneren Reichtum, mit unserem Verlangen nach Ästhetik und Respekt ernst genommen werden, werden wir uns zum eigenen Wohl und zum Nutzen aller entfalten und besseres leisten als nur “Dienst nach Vorschrift”.